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In Ingolstadt wurde dieses Jahr im Triathlon auf der Mitteldistanz die Deutsche Meisterschaft ausgetragen. Als Älteste in der AK und bekanntlich schlechte Läuferin, war für mich eine Top 10 Platzierung das erstrebenswerte und realistische Ziel. Das wollte ich mit einer Schwimmzeit < 35 Minuten, einer Radzeit < 2 Stunden 20 Minuten und mit einer Laufzeit um die 2 Stunden erreichen und mir so beim Überqueren der Ziellinie einen Gänsehautmoment bescheren.

Den ersten kleinen Gänsehautmoment gab es allerdings schon einmal am Anreisetag, als ich vom Hotel in die Innenstadt bzw. an der Donau entlang gelaufen bin. Schöne Erinnerungen an die Mitteldistanz in Samorin und das dortige Schwimmen in der Donau wurden geweckt. Weniger schön waren die Gedanken an mein geplantes Radreise-Projekt "Donauradweg - vom Schwarzwald zum Schwarzen Meer", welches wegen des Krieges in der Ukraine erstmal auf Eis liegt.

Auch am nächsten Tag stellten sich die Härchen ein bisschen in die Höhe, als ich mit dem neuen Trikot vom ASC Konstanz schon mal das Zielfoto "übte" - sicher nie schlecht, die Strecke bis zum Schluss zu besichtigen und sein Ziel zu visualisieren und zu antizipieren.

Den eigentlichen Gänsehautmoment gab es dann natürlich am Wettkampftag, als um 8:05 bei herrlichem Sonnenschein die Startklappe für uns knapp 200 Frauen fiel und alle zusammen in den 19 Grad warmen Baggersee stürmten. Seit langem kämpfte ich auf der Schwimmstrecke mal wieder mit einer beschlagenen Brille und ich musste zwischen drin anhalten, um wieder klare Sicht zur nächsten Boje zu bekommen. Erstmal wieder draussen aus dem Wasser wurde schnell klar, dass das Schwimmen wohl nicht der einzige nasse Part an diesem Tag bleiben sollte. Wie in der Wettervorhersage angekündigt, waren mittlerweile dunkle Wolken aufgezogen und an den Baumkronen war zu erkennen, dass es recht windig war. Somit hatte ich zwischen Schwimmausstieg und Ankunft an meinem Platz in der Wechselzone ein paar Sekunden Zeit folgende Entscheidungen zu treffen: Socken (ja/nein), zusätzliches Oberteil (ja/nein), zusätzliche 3/4-Hose (ja/nein), Weste  (ja/nein), Ärmlinge (ja/nein), Windjacke (ja/nein). Schlussendlich hab ich mich für Socken und die Weste entschieden aber schon auf den ersten Radmetern gemerkt, dass mit dem Wind und ohne Sonne diese Kombination auf den 80 Kilometern sehr kalt werden und dieser Gänsehautmoment wohl für die nächsten 2-3 Stunden anhalten wird. Ich sollte Recht behalten. Denn nach vielleicht 5 Kilometern kam der Regen. Heftig prasselte er auf meinen Aerohelm und die Schuhe und Socken waren in sekundenschnelle nass. Gleichzeitig viel die Temperatur auf unter 10 Grad und mit Geschwindigkeiten um die 35km/h und mehr auf dem Triathlonrad war schnell klar, dass das ein richtig hartes Rennen geben wird. Erst wurden einfach nur die Hände und Füsse kalt, dann sehr kalt und irgendwann spürte man einfach gar nichts mehr. Wirklich realisiert habe dies eigentlich erst, als ich mir auf der zweiten Runde aus der Oberrohrbox nochmal einen Riegel nehmen wollte, ihn aber auf Grund der tauben Finger nicht greifen konnte oder sonst irgendwie aus der Box bekam. Trinken war zwar über das Trinksystem auf dem Lenker kein Problem, war aber eben auch eiskalt und somit fiel die Verpflegung auf der Radstrecke ziemlich dürftig aus. Mittlerweile waren auch immer mehr Triathleten mit Wärmedecken o.ä. zu sehen, welche aufgeben mussten und schlotternd am Rand der Radstrecke standen. Ich war einfach nur mehr als froh, es heil und überhaupt wieder zur Wechselzone geschafft zu haben und endlich vom Rad steigen zu können. Mit eher wackeligen Schritten ging es zum Wechselplatz und der Moment, als ich bemerkte, dass ich auch den Radhelm mit den tauben kraftlosen Fingern nicht öffnen konnte, kam eher überraschend, da ich mir darüber im Vorfeld keinerlei Gedanken gemacht hatte, dass dies zum Problem werden könnte. Nach mehreren Versuchen und einiger Fingerakrobatik ging er dann irgendwann auf und das nächste Problem kam um die Ecke. Alle Sachen in meiner Wechselbox waren nass - da hatte ich beim ersten Wechsel wohl nicht alles schön abgedeckt... Das hiess klitschnasse Radsocken ausziehen, Laufsocken auswringen und gefühlt fremden Füssen anziehen, in die nassen Laufschuhe rein und los laufen auf die Halbmarathonstrecke. Mein Kopf war wie leer und ich bin einfach nur in meinem Tempo gelaufen, gelaufen und gelaufen. Ich schätze erst so bei Kilometer 6, als es über die Brücke Richtung Innenstadt ging und ich dort das erste Mal am Verpflegungsposten angehalten und Cola und Wasser getrunken hatte, habe ich langsam wieder Leute o.ä. um mich rum wahrgenommen und die Lebensgeister sind langsam zurück gekehrt. Nach 3 weiteren Stopps an den Verpflegungsstellen auf der Laufstrecke, konnte ich es dann kaum glauben, wirklich auf dieser mit grünem Teppich ausgelegten Zielgeraden einzubiegen und ein "echtes" Zielfoto in Händen halten zu können - Gänsehautmoment pur!

Ich kann echt nicht genau sagen, wie ich es geschafft habe diese Mitteldistanz zu finishen. Sicher war mein natürlicher Neopren mit 2-3 Kilos mehr auf den Rippen kein Nachteil auf der Radstrecke und die seit Jahren unzähligen Stunden frierend mit eiskalten Fingern und Füssen auf der Piste in der Skischule haben sicher auch geholfen dies durchzuhalten. Vielleicht war es aber auch einfach nur der Gedanke an die Zielverpflegung mit Apfelstrudel und Vanillesauce, welche mich ins Ziel gerettet haben.

Egal was es nun schlussendlich war, ich bin mehr als stolz diesen Wettkampf unter solchen Bedingungen durchgezogen zu haben und am Ende mit einem 7ten Platz in der AK-Wertung der Deutschen Meisterschaft belohnt worden zu sein.

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